Skip to content

Bethlehem und Hebron #2

Weiter geht’s mit Hebron. Einer der ältesten Städte der Welt. Wer den Anfang verpasst hat, schaut hier vorbei: Bethlehem und Hebron #1. Wir kommen in Hebron an und fragen uns selbst, wo wir eigentlich sind. Ich schaue raus und sehe eine Glasbläserei, ach ja stimmt. Hebron ist u.A. auch für seine Glaswaren bekannt, also jedenfalls in Palästina. Regionale Rohstoffe, wie Sand aus der Umgebung oder Soda aus dem Toten Meer. Wir steigen aus. Sofort man sieht man die Männer der Fabrik am arbeiten, direkt am Schmelzofen. Wir schauen uns diese faszinierende Arbeit an und sind erstaunt wie schnell so eine Vase oder Sektglas entstehen kann. Da es immer wärmer wird, holt man sich ein Eis und schaut sich dann die Glaswaren im dazugehörigen Geschäft an. Viele Farben, hauptsächlich Blau und Grün. Wer es mag. Alles lieferbar, sogar bis nach Deutschland, falls es überhaupt da ankommt. Wir steigen wieder ein und fahren Richtung Innenstadt.

Unterwegs sammeln wir eine Dame ein, die uns anscheinend zu unserem Kontaktmann bringt. Wir bemerken schnell die vielen Soldaten, aber das ist ja schon fast Alltag. Unser Fahrer parkt und
wir laufen dann die ersten Wege durch die Stadt. Wir kommen am Markt an und treten mehr und mehr in eine Gasse ein, die mit Tüchern bedeckt ist. Die Menschen sind auch aufdringlicher, aber gut mehr Menschen mehr Touristen mehr Geld möglich. Auch hier werden wir überall angesprochen. Kinder sind besonders komisch, werden sie ignoriert, werfen sie mit Kirschen. Lag wohl aber eher an unseren Damen. Na das fängt ja gut an. Danach treffen wir unseren lokalen Guide, direkt vor einem Falafelladen. Jeder bestellt was und wir warten. In Ruhe genießen wir die wirklich leckere Falafel, bevor wir uns dann mit unseren Guides auf den Weg zum anderen Markt machen. Irgendwie fühlt es sich noch fremder an als in Ramallah. Mehr Blicke, mehr Müll und die Gebäude sind wirklich heruntergekommen. Natürlich hat man sich schon etwas vorbereitet, aber es ist immer was anderes wenn man vor Ort ist. Hebron ist die größte Stadt im Westjordanland und auch die meist zerstörte, aber bei der Geschichte auch keine Wunder. Trotzdem beeindruckend. Wir laufen durch die Gassen des Marktes und diese werden dichter und dichter. Wir bekommen die erste Absperrung gezeigt. Eine Mauer die den alten Stadtteil absperrt. Einfach zugemacht von israelischen Soldaten. Hebron ist eine palästinensische Stadt, doch das besondere ist, das hier auch die israelischen Bevölkerung lebt. Wie in den Siedlungen leben diese Menschen einfach mitten in der Stadt. Klingt eigentlich doch ganz einfach aber es ist verdammt kompliziert. Da Israel so gut wie alles machen darf, haben einige Menschen einfach die Gebäude übernommen. Zum Schutz der eigenen Bevölkerung hat Israel alle Gebäude umzingelt und kontrollierte Gassen aufgemacht. Verschiedene Zonen gibt es deshalb wie H1 und H2, in jeder ist das Leben anders eingeschränkt, mal so allgemein beschrieben. Auf einen israelischen Menschen also Einwohner kommen 10 Soldaten, natürlich zum Schutz. Also leben hier zwei „Staaten“, in der selben Stadt, Tür an Tür. Die Palästinenser selbst dürfen nichts machen und werden in dem Stadtteil bewacht. Furchtbar krank. Wir schauen nach oben und zwischen den Lacken die die Gassen vor Sonne schützen, sehen wir Gitter. Unten dürfen die Palästinenser ihre Geschäfte haben und auf dem Markt verkaufen, in den oberen Stockwerken leben jedoch die Israelis. Da diese einfach Müll und sonst was für Gegenstände auf die Menschen nach unten werfen, wurden die Gitter angebracht. Doch auch Säure wie ACID wird mal runtergeschüttet. Unglaublich! Manchmal sieht man in den Wänden alte hebräische Gravierungen, auf denen steht das diese Stadt nur für Israel bestimmt ist. Wir gehen weiter und kommen langsam zu der Wohnung unseres Begleiters. Die Geschäfte enden auch an der Stelle. Wir schauen nach oben und wissen warum. Ein israelischer Soldat besetzt einen kleinen Turm und schaut mit seinem Gewehr auf uns herab. Wir gehen weiter und eine lokale Studentin die mit uns gekommen ist, bekommt Angst, was verständlich ist. Danach stehen wir vor der Treppe zur Wohnung unseres Guides. Er erklärt uns, das sein Haus das letzte Haus ist das noch komplett von Palästinensern bewohnt ist. Direkt daneben ist ein Basketballplatz und da wohnen auf Israelis. Ich schaue nach oben und ein israelisches Mädchen schaut mich an springt schlagartig weg. Wir gehen die steile Treppe nach oben, durch das Haus bis ganz aufs Dach.

Ich bin erschlagen. Einerseits wegen der Aussicht und Anderseits weil ich jetzt den kompletten Blick auf die verschiedenen Zonen habe. Man sieht Soldaten auf dem Dach und auch wie die Israelis alte Gebäude einfach komplett abgeschottet und eingenommen haben. Wir schauen runter und sehen israelischen Jugendliche spielen. Man bemerkt eine komplett andere Kultur, vom Auftreten und vom Aussehen. Einfach so komisch zwei unterschiedliche Staaten so nah beieinander zu sehen. Durch die Soldaten fühlen wir uns einfach nur komisch. Unser Begleiter erzählt uns dann wie seine Frau exakt auf diesem Dach mit 5 Schüssen erschossen wurde. Sie war schwanger. Das Kind konnte man retten, sie verstarb. Natürlich alles nur aus Schutz. Seinem Sohn hat man Säure in die Augen geschüttet, diese konnten noch ausgewaschen werden, jedoch sieht er fast gar nichts mehr. Die Einschusslöcher sind noch in den Wassertanks zu sehen. Wir wissen nicht was wir sagen sollen. Er erklärt uns das man ihm viel Geld für das Gebäude gegeben hat, er aber abgelehnt hatte, weil damit ein kompletter Stadtteil abgeschottet werden könnte. Auch das Geld würde ihm nichts mehr bringen wenn er tot wäre, daher will er es nicht. Wir verlassen das Dach wieder und verabschieden uns noch von der Familie.

Dann machen wir uns weiter bis zum Ende der Gasse. Wir kommen an vielen Ständen vorbei, viele sprechen uns auch an, wollen natürlich etwas verkaufen. Ob Essen oder Kleider, es gibt alles. Auf dem Weg treffen wir noch auf paar Jungs der „Temporary International Presence in the City of Hebron“, kurz TIPH. Die Observierungsgruppe, wie der Name schon sagt, besteht aus einem Zusammenschluss 6 verschiedener Länder und versucht die Stabilität und die Wiederherstellung des normalen Lebens der Bürger Hebrons zu gewährleisten. Sie laufen zusammen herum und sind mit ihren Kameras ausgestattet, um im Ernstfall jegliche Beweise schlimmer Verbrechen die von israelischer Seite hervorgehen, zu sichern und berichten. Beeindruckende und gefährliche Arbeit zu gleich. Wir gehen weiter und gelangen dann durch eine Drehtür, bei der man nur durchgelassen wird wenn die israelischen Soldaten es erlauben. Wir stellen uns an und warten auf das Geräusch um durchgehen zu können. Die Soldaten sitzen in der Kabine und schauen uns an. Endlich geschafft! Fast aber nun, wie ich feststelle. Da wir alle in die Moschee wollen, müssen wir direkt wieder durch die nächste Kontrolle. Diese ist sogar etwas größer und mit mehr Soldaten ausgestattet, wie ich sehe sogar auch von weiblichen. Wir betrachten die mächtigen Waffen. Ein weiteres Zeichen sind immer die Waffen, palästinensische Soldaten dürfen solche Waffen nicht tragen, es ist verboten. Da merkt man wer das sagen hat. Unser Guide meldet uns an und erklärt das wir deutsche Touristen sind. Man fragt ob wir Waffen dabei haben, natürlich nicht antwortet er und wir dürfen passieren. Hierbei sollte man immer seinen Pass dabei haben, da man jederzeit hier komplett durchsucht werden kann. Wir passieren und sehen den Weg zur Moschee.

Wir müssen uns etwas beeilen da die Moschee zum Gebet dann geschlossen wird, sagt man uns jedenfalls. Wir laufen die Treppen hoch und sind endlich an der Moschee angekommen. Eher gesagt an der heiligen Abrahamsmoschee, die im Gebäudekomplex der Höhle Machpela angeschlossen ist. Wir ziehen die Schuhe aus, die Frauen bekommen ihre Mäntel und wir gehen rein. Im ersten Moment schein sie sehr klein, doch wir gehen weiter und sehen sofort warum es eines der wichtigsten Stätte des Judentums und der Muslime ist. Hier befinden sich die Ruhestätten der drei Erzväter Abraham, seinen Sohn Isaak und dessen Sohn Jakob, als auch alle drei Frauen. Ein sehr komisches Gefühl so nah an der Geschichte dreier Religionen zu sein. In 16 Meter tiefe sind sie begraben, an einer Stelle kann man sich sogar bücken und sieht ganz tief Kerzen brennen. Während der Führung hören wir einige Juden beim beten, da auch für beide Religionen Abraham sehr wichtig war, teilen sich beide Religionen dieses Gebäude. Die Muslime haben ihre Moschee, die Juden ihre Synagoge. Jeder hat seine Seite und seine Gebetszeiten. Merkwürdig. Zwei Religionen in einem Gebäude und in der Mitte hat jeder einen Blick auf die Grabstätte. Für Interessierte hier der Bauplan Hier klicken. Doch diese Moschee ist noch für andere Sachen bekannt, für die verschiedenen Massaker. Das letzte war sogar 1994, bei dem Baruch Goldstein ein extremistischer Siedler mit einem Sturmgewehr 29 Muslime tötete. Man zeigt uns die zu gespachtelten Einschusslöcher, die an den Wänden sind jedoch noch sichtbar. Wir beenden die Tour und gehen raus. Kopfschmerzen, Kopfschmerzen vom Denken, von den vielen Informationen. Wir gehen zurück zum Eingang unseres Begleiters und bezahlen ihn. Auch holen wir uns noch einige originale Kufiya, worauf viele gewartet haben, machen einige Bilder und werden nebenbei angebettelt. Wir bedanken und nochmal und gehen Richtung Markt zurück. Mir ist klar, dass die Bewohner ihre Lebensgeschichten erzählen, um damit auch Geld zu machen, es ist ihr Alltag und mit so einem Alltag kann man natürlich Geld machen. Für viele die einzige Lösung. Schlimm genug das es aber Alltag ist.

Unterwegs besprochen wir den weiteren Ablauf und wir entscheiden uns, also einige von uns das wir gern doch mal den israelischen Teil der Stadt anschauen wollen. Einige von uns wollen nicht mit, einige dürfen nicht. Wir geben unsere Sachen ab, daher auch kein Smartphone oder Kamera. Das Problem ist das man durchsucht wird und wenn die Soldaten Lust haben, nehmen sie dir einfach was weg oder zwingen dich dazu alles zu löschen. Man zeigt uns den Eingang und wir sehen den jungen Mann der uns vorhin um Geld angebettelt hat, daher auch überhaupt die Information über ihn. Er selbst wohnt hinter der Siedlung und man lässt ihr manchmal rein und manchmal nicht. Er trägt seine Kufiya, was natürlich eine Nachricht gegen die Israelis ist und nicht gern gesehen ist. Wir sehen zwei Menschen durchgehen und versuchen auch unser Glück. Daneben ein Schuld auf dem dargestellt wird, was man alles machen muss um durchzugehen. Gut was wir alles abgegeben haben. Ein Kollege erklärt mir, er war schon öfter hier, dass sie den Checkpoint erweitert haben, natürlich aus Schutz wie immer. Doch es kommt, wie es kommen muss, wir werden nicht reingelassen. Auch nachdem wir nachgefragt haben, bekommen wir keine Erlaubnis und sollen verschwinden. Wir wissen entweder lag es an den jungen Mann oder was wir eher vermuten und auch gesehen haben, das man uns schon davor auf dem Schirm hatte und uns jetzt nicht reinlassen möchte. Kamers sind ja überall und auch die Soldaten haben bei unserer Anwesenheit gefunkt, was wir sogar fotografiert haben. Folglich machen wir uns auf den Weg zum Bus, wo auch die Anderen schon warten.

Unser nächster Halt, ist der Besuch der Eltern einer lokalen Studentin. Diese ist mitgefahren und hat sozusagen vieles für uns übersetzt und die Wege organisiert. Wir sind zum Essen eingeladen. Leider müssen wir einen kleinen Zwischenstopp einlegen, da irgendwas mit dem Wagen nicht in Ordnung ist. Es klappert und knallt, aber der Fahrer fährt gemütlich weiter. Nun ja, wir biegen ab und verbringen einige Zeit an einer Werkstatt, wo mal eben die Kurbelwelle in Schuss gebracht wird. Vom Essen gibt’s es jetzt nicht so viel zu berichten. Es wird begrüßt, gegessen, geredet, gegessen, gelacht, gegessen und so weiter. Irgendwann müssen wir auch wieder los und der Fahrer will auch heim. Wir bedanken uns für das köstliche Mahl und verabschieden uns von der großen Familie. Müde und erschöpft will ich erst mal nur Heim. Als wir in Ramallah ankommen, fühl ich mich gleich wieder sicher. Schon komisch so etwas in einem fremden Land zu spüren, irgendwie will man gar nicht mehr weg. Unterwegs wird noch frisch gepresster Saft gekauft und dann geht’s auch schon Heim. Vielleicht doch noch was essen? Es schmeckt aber auch so gut …

Be First to Comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *